Übungspraxis der Initiatischen Schwertarbeit

Eine Anleitung zum Üben mit dem Schwert

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung
2. Die Grundübung
2.1. Die Körperhaltung
2.2. Die Schwerthaltung
2.3. Die Grundübung
2.4. Verschiedene Aspekte der Grundübung
2.4.1. Der Bewegungsablauf
2.4.2. Die Schwertführung
2.4.3. Der Atem
2.4.4. Die Verankerung im Schwerpunkt
2.4.5. Der Krafteinsatz
2.4.6. Die Aufrichtung des Körpers
2.4.7. Der Gebärdenaspekt
2.4.8. Die Präsenz im Körper
2.4.9. Mentale Präsenz und Personale Präsenz – Sein im Augenblick
2.4.10. Das Exerzititum – der Weg der Übung im Alltag
2.5. Übungspraxis
3. Kata mit waagrechtem und senkrechtem Schnitt
4. Kata mit senkrechtem Schnitt und waagrechtem Stich
5. Zum Übungsgeleit

Einleitung

Mit dieser Anleitung zu einer Übungspraxis versuche ich, dem Wunsch einiger Klienten zu entsprechen, die nach einer praktischen Einführung in die Schwertarbeit gerne eigenständig weiterüben möchten. Ich werde zunächst den Ablauf „einer Grundübung“ beschreiben und anhand dieser eine ausführliche Anleitung zum Üben geben. Es folgen dann noch zwei Übungen mit verschiedenartigen ritualisierten Bewegungen, sogenannte Katas. Die ausführlichen Anleitungen zu dieser Grundübung können auf alle sonstigen, auch die hier nicht beschriebenen Katas übertragen werden.

Mein Bemühen gilt einer möglichst genauen Beschreibung der Bewegungen. Diese kann allerdings eine praktische Einführung nicht ersetzen. So sind die beschreibenden Erklärungen eher eine Erinnerungshilfe für schon einmal geübte Bewegungen, als dafür konzipiert, die Übungen anhand dieses Skriptes zu erlernen. Erfahrungsgemäß ist diesem Unterfangen kein dauerhafter und in die Tiefe gehender Erfolg beschieden. Diese Einweisung in die Übungspraxis ist zum persönlichen Gebrauch gedacht und in diesem Sinne in die eigene Verantwortung gegeben.

Mentale Präsenz und Personale Präsenz – Sein im Augenblick

Wenn dir dies gelungen ist, dann suche dir in der anfangs beschriebenen Weise mit den Augen einen Punkt an der gegenüberliegenden Wand, der dir als Mittelpunkt für einen weiten Blick dient. Richte deinen Blick nun dergestalt nach außen, dass du mit einem Teil deiner Aufmerksamkeit weiterhin im Körper präsent bleibst, und darüber hinaus den anderen Teil der Aufmerksamkeit klar nach draußen richtest. Achte darauf, dass dein Blick nicht starr oder unbelebt wird. Dies geschieht dann, wenn du beispielsweise mit deinem Bewusstsein an einem Gedanken hängen bleibst. Ohne die achtsame Gegenwärtigkeit zu verlieren, beginne mit der Schwertübung. An dieser Übung kannst du lernen, die Präsenz über das Anwesendsein im Körper auszudehnen auf den Raum, der dich umgibt, deine Um-welt. Es ist sozusagen eine Übung des „Seins im Augenblick“.

Du kannst noch einen Schritt weitergehen: Sei dir nun, aufbauend auf die letzte Übung, dessen bewusst, dass du als „ich“, als die ursprüngliche Persönlichkeit, die du bist, anwesend bist und handelst. Wenn es dir gelingt, zu dieser Bewusstseinsebene in dir vorzudringen, dann kann dir das, was du in der Übung erlebst, innerlich näher rücken. Es betrifft dich tiefer. Du selbst wirst zum Handelnden. In dieser Qualität anwesen zu sein nenne ich „Personale Präsenz“. Karlfried Graf Dürckheim verwendet in diesem Zusammenhang den Ausdruck des „inständlichen Bewusstseins“.

Ein einfaches Beispiel soll dir erläutern, was damit gemeint ist: Du kannst dich in der Übung bemühen, deine Schultern loszulassen. Das Resultat kannst du bei verfeinerter Wahrnehmung sofort spüren. Nun verbirgt sich hinter hochgehaltenen Schultern auch eine Lebensgrundhaltung, die mit Begriffen wie Angst, Schutzbedürfnis, Misstrauen und Machen (im Gegensatz zum Lassen) umrissen sei. Diese Fehlhaltung ist ganzheitlich betrachtet nicht nur eine Fehlhaltung des Körpers, sondern des ganzen Menschen, was sich notwendigerweise auf der Ebene des Körpers auswirkt. Vor diesem Hintergrund hieße eine umfassendere Form der Übungsanleitung: „Lasse dich aus deinen Schultern los und im Bauch-Becken-Raum nieder. Lasse dich aus der Fehlhaltung, dich in den Schultern festzuhalten, los und öffne dich größerem Vertrauen und vertiefter Gelassenheit, die im Bauch-Becken-Raum ihren ‚Leib-Ort‘ haben.“ Damit mag dir es gelingen, dass du dich mehr in deinem Leib als dem von dir belebten und beseelten Körper ausbreitest, und ihn quasi von innen füllst: Du wirst als unverwechselbare Individualität anwesend. Die Bewusstseinswandlung, die mit dieser inneren Einstellung einhergeht, kann befreiend, zuweilen aber auch beängstigend sein. Ich kann sie hier nur kurz streifen, wiewohl sie zum zentralen Anliegen der Initiatischen Schwertarbeit gehört – der des „Ich-bin“ in der gelebten Welt.

Wie ist es in der Übungspraxis möglich, diese „personale Präsenz“ zu verwirklichen? Aus dem bisher gesagten ist deutlich geworden, dass dieser Übungsaspekt eine Frage des Bewusstseins ist. Dieses Bewusstsein lässt sich nicht einfach herstellen. Nötig ist, dass du bereit bist, dich auf diese Ebene einzulassen. Diese Bereitschaft des innigen Bezugaufnehmens zu dir ist die Voraussetzung dafür, dass dieses „inständliche Bewusstsein“ im inneren Arbeiten an dir „Wachstums-Raum“ bekommt. Gleichwohl ist es möglich, diesen Aspekt in die Übung zu nehmen. Versuche es und mache deine eigenen Erfahrungen.

Das Exerzitium – der Weg der Übung im Alltag

Das lateinische Wort „exercitium“ bedeutet zunächst einfach „Übung“. Im Rahmen des Selbstfindungsprozesses ist das Exerzitium eine Übung auf dem inneren Weg, die im Ansatz der Initiatischen Therapie eine wichtige „Säule“ bildet.

Das Exerzitium zielt auf die Einübung einer Lebensgrundhaltung hin, die geprägt ist von Gelassenheit und In-sich-Ruhen, Bei-sich-Sein und innerer Verbundenheit, Präsenz und Achtsamkeit sich selbst und anderen gegenüber.

Das Exerzitium, verstanden als Übung auf dem Weg der Verwandlung, bietet dir die Möglichkeit zur Arbeit an deiner Verfasstheit. All die Aspekte der vorherigen Kapitel – Bewegung, Atem, Präsenz, Bewusstseinshaltung – sind das konkrete Übungsmaterial, mit dem du umgehst und die die Qualität deiner Verfassung ausmachen. Im stetig sich wiederholenden Tun kann sich eine Vertiefung des Erlebens und eine verfeinerte und differenzierte Wahrnehmung einstellen. Dabei öffnen sich die „inneren Türen“ zu den tieferen Seelenschichten, um deren Entwicklung du dich bemühst. Mit der Zeit wirst du den Ablauf der Übungen beherrschen, wodurch dir mehr Aufmerksamkeit zur Verfügung steht, in jenen tieferen gedankenfreien, wahrnehmenden und gegenwärtigen Zustand zu gelangen. Mit jedem Üben ebnest du die Zugangswege dazu. Wenn du über längere Zeit das Üben vernachlässigst, mag es geschehen, dass sie ähnlich einem unbegangenen Pfad in der Natur wieder zuwachsen. Das Ziel bist du selbst – die Verwirklichung derjenigen Gestalt, als die du angelegt bist und die du vom Grunde deines Wesens her zu sein bestimmt bist. Deine Übungseinstellung sei auf die Durchlässigkeit für diese Qualität der Ursprünglichkeit gerichtet. Sei dir dessen bewusst, dass die Verfassung der inneren Verbundenheit bereits in dir existiert. Die Arbeit besteht also darin, diese Wirklichkeit zuzulassen und dich durchwirken zu lassen.

Ausgehend von meiner eigenen Erfahrung lege ich dir ans Herz, dir eine Zeit am Tag einzurichten, in der du alle Aufmerksamkeit deinem Exerzitium, deinem Üben mit dir selbst widmest – sei dies die Meditation, das Üben mit dem Schwert oder auch andere Disziplinen und Übungswege. So wie unser physischer Körper der Pflege, Ernährung und Regeneration bedarf, so braucht auch unser Seelenleben unsere bewusste Hinwendung und Pflege. Zum anderen sollen sich diese Bemühungen ja in deinem Alltag auch auswirken. Und wo anders als auf dem Feld des alltäglichen Lebens sollte sich diese innere „Weg-Arbeit“ ereignen. Dazu bedarf es jedoch der nie endenden Arbeit an deiner inneren Verfassung in den unzähligen Situationen, die jeder Tag dir bietet.

Zum Übungsgeleit

Eigenverantwortlich zu üben erfordert ein hohes Maß an Durchhaltevermögen, Demut und Disziplin. Du musst mit der Zeit selbst in dir diejenige Instanz zu wachem Leben erwecken, die sonst der Anleitende im Außen darstellt. Diese Instanz nimmt wahr, beobachtet, korrigiert, spürt nach, kritisiert, nimmt in die Pflicht, ermuntert usw. Sei also in dieser Weise dein eigener Begleiter und lass dein Üben von wohlwollender Stetigkeit und von lebendiger Freude geprägt sein. Wenn die Übungspraxis über längere Zeit hinweg zur lästigen Pflichterfüllung wird, fehlt ihr die Lebendigkeit, die wiederum notwendig ist, damit die Saat des Übens aufgehen kann.

Es ist mir zum Abschluss dieser Übungsanleitung ein Anliegen, zur Disziplin, mit der jeder Mensch bereits seine eigenen Erfahrungen gemacht hat, noch ein Wort zu sagen: Der lateinische „discipulus“, auf den sich das Wort Disziplin etymologisch bezieht, bedeutet „Schüler“. Mit Disziplin meine ich im Kern: Sei Schüler auf deinem eigenen Weg. Lerne, ihn zu gehen, ihn zu gestalten und an ihm zu arbeiten in einer Atmosphäre der Liebe zu dir selbst. Nur dieses demütige und liebende Schüler-Sein lässt dich zu einem Meister werden – zu einem Lebe-Meister deiner eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten.