Mensch, werde wesentlich!

Initiatische Begegnungen mit dem Schwert.
Einige Fallbeispiele aus der Initiatischen Schwertarbeit im Kontext unterschiedlicher Lebensthemen

Inhaltsverzeichnis

1. Hinführung
2. Der geistige Hintergrund des Initiatischen
3. Das trennende und das einende Schwert
4. Eine Geburtssituation
5. Erfahrungen aus der frühen Kindheit
6. Erfahrungen aus der späteren Kindheit
7. Die Suche nach der eigenen Identität
8. Die Entwicklung des “Ich bin”
9. Das Schwert in der Hand des Mannes
9.1. Vom Herrwerden der Kräfte
9.2. Exerzitium und Kata-Arbeit
9.3. Von der Entwicklung des Herzens in der Initiatischen Schwertarbeit
10. DasSchwert in der Hand der Frau
11. Liebe und Beziehung im Spiegel des Schwertes
12. Initiatische Therapie in der Traumatherapie
13. Eine initiatische Erfahrung im klinischen Kontext
14. Heilung in der Initiatischen Schwertarbeit
15. Über das Schwert des Geistes
16. Begegnungen mit dem Tod
17. Nachwort
18. Literaturverzeichnis

 

Auszüge:

In dieser Schrift möchte ich anhand verschiedener Beispiele aus der Praxis aufzeigen, in welcher Weise die konkrete Begegnung mit dem Schwert innerhalb dieses therapeutisch-wegbegleitenden Settings in unterschiedliche Lebensabschnitte und seelische Konstellationen hineinwirkt.

3. Das trennende und das einende Schwert

Ein Mann mit viel Lebenserfahrung, etwa 70 Jahre alt, – er soll hier Georg heißen – schildert seine Erfahrungen mit dem Schwert während eines Seminars mit folgenden Worten: „Ich hatte zwei völlig unterschiedliche Wahrnehmungen: Das Aufeinandertreffen der Schwerter erinnerte mich sofort an meine Kindheit im Krieg: all die Bomben, die Zerstörung, das Sterben, die Angst – es war einfach nur grauenvoll. Und es hat mich unendlich traurig gemacht. Ich spürte dieses unendliche Leid. Das sind meine eigenen Schmerzen und die anderer Menschen, aber in all dem Persönlichen auch noch mehr: so etwas wie der Urschmerz der Menschheit. Und dann, wenn ich das Schwert nur senkrecht vor mich hinhielt mit der Spitze nach oben, stellte sich eine unendliche Ruhe und ein Frieden in mir selbst ein, die mich ganz sprachlos machen. Das ist so unglaublich intensiv, wenn ich mich darauf einlasse, und es steht in einem so himmelweiten Gegensatz zu dem Schrecklichen, was als erstes aufgetaucht war. Ich bekomme das innerlich gar nicht zusammen.“

Wie sind diese so unterschiedlichen Erfahrungen einzuordnen? In welchem Bezug stehen sie zueinander? In Zerstörung, Tod, Leid und Schmerz zeigt sich menschliches Leben auf diesem Planeten von seiner Schattenseite. Metaphysisch betrachtet spiegelt sich in solchen Erfahrungen die Tatsache des Getrenntseins vom Ursprung. Die Folgen jener inneren Trennung vom Zustand der Verbundenheit und Einheit ist das Leid – in ihrer Extremform eben jene Auswüchse, wie sie im Krieg Wirklichkeit werden und wie sie in Georgs Erfahrungen in der Schwertübung wieder lebendig wurden. In diesem Aspekt ist das Schwert Symbol für die Trennung des Menschen von seinem göttlichen Ursprung.

In vielen Hochreligionen existiert die Vorstellung davon, dass der Mensch in seiner Entwicklung seinen Ursprung genommen hat von einem Zustand der Einheit, von dem er sich getrennt hat. Der Mythos in der heiligen Schrift des Judentums, dem „Alten Testament“, kleidet diese existenzielle Gegebenheit in die allgemein bekannten Bilder vom sogenannten „Sündenfall“ – also dem Fall des Menschen in die Sonderung, in die Trennung, in einen Zustand des inneren Getrennt sein von seinem Ursprung. Die mythische Erzählung gibt im Symbolbild Zeugnis von einer seelisch-geistigen Realität im Menschen: Zunächst lebt der Urmensch im göttlichen Garten Eden, im Zustand unverhüllter Einheit. Es stehen darin viele Bäume, von deren Früchten er kosten darf, außer von jenem in der Gartenmitte, dem Baum der Erkenntnis. Und nun lässt sich jener ursprüngliche Mensch „Adam“ verführen, von der verbotenen Frucht des Baumes der Erkenntnis zu essen. Damit er nicht auch noch vom Baum des Lebens isst – und damit ewig lebt –, wird er vertrieben aus dem Garten der Einheit und muss seinen Weg in die Welt der Gegensätze antreten. In alten Darstellungen geschieht diese Vertreibung häufig mit einem Schwert. Der Zugang zum Paradies ist dem Menschen forthin verwehrt durch die Cherubim, das sind Wächterengel, mit einem flammendem Schwert4. Die Welt der Dualität ist jener Zustand der leidvollen Getrenntheit, die Welt, in der all die Grauenhaftigkeiten stattfinden, die Georg so deutlich ins innere Erleben kamen.

Das ist ein wesentlicher Grund für die prinzipielle Aversion mancher Menschen gegenüber dem Schwert – und in der Folge der Schwertarbeit insgesamt. In Worte gefasst: „Mit solch einem Instrument, mit dem Gewalt ausgeübt und getötet wird, will ich nichts zu tun haben“. Nimmt ein Mensch das Schwert in die Hand, so schwingt dieses Schicksal des Urmenschen in der Tiefe seiner Seele mit. Er ist damit unweigerlich mit seinem eigenen Schicksal des Getrenntseins in Berührung.

Der innere Bogen, den der jüdische Mythos vom Paradies schlägt, sei weitergeführt: Nach seiner Vertreibung aus dem Paradies, dem Zustand der unbewussten Einheit, befindet sich der Mensch auf dem langen Weg der Erkenntnis, der Selbsterkenntnis, der Erfahrungserkenntnis, der ihm den Zugang zu jenem Garten mit dem Baum des Lebens, dessen Frucht dem Menschen „zu ewigem Sein“ verhilft, wieder eröffnen soll – nun von bewusster eigener Erfahrung getragen, so dass dereinst in Erfüllung gehen soll, womit die Schlange die beiden Urmenschen verführt hatte: „Eure Augen werden sich klären und ihr werdet wie Gott, erkennend Gut und Böse.“ Darauf bezieht sich jenes Entwicklungszielbild vom selbst- beziehungsweise gottverwirklichten Menschen. Nur geschieht dies auf anderen Wegen, als es sich das Urmenschenpaar – Adam, der „Mensch“, und Eva, das „Leben“, – im Mythos wohl gedacht hatte: in der irdischen Realität, in der so viel Schreckliches sich ereignet, wofür das Trennung und Dualität schaffende Schwert als Symbol steht.

Wenden wir uns nun Georgs Erfahrung von Ruhe und innerem Frieden zu. Sie wird ihm zuteil in einer fast rituellen Haltung, bei der er das Schwert mit dem Griff in Höhe des Unterbauchs hält. Es verjüngt sich nach oben und weist mit der Spitze gen Himmel. So gehalten korrespondiert das Schwert mit seiner eigenen Körperhaltung von würdevoller Aufrichtung, ausgespannt zwischen dem Unten und dem Oben – mit den Füßen auf der Erde, mit dem Haupt zum Geistigen hin gerichtet. Hier entfaltet es seine „einende Wirkung“, bringt ihn in Resonanz zu seiner inneren Ordnung. Es vermittelt ihm den Kontakt zu einer Seelenschicht, deren Qualität „Einheit und Frieden“ ist. Die Körperhaltung der „würdevollen Aufrichtung“ lässt ihn in seiner vollen Größe dastehen: ganz auf den eigenen Füßen stehend, durchdrungen von der urmenschlichen Haltung des Aufgerichtetseins, ganz Mensch, ganz er selbst, verbunden mit seinem innersten Kern.

In diesen beiden gegensätzlichen Erfahrungen von Trennung und Einheit, von Tod und Leben offenbart sich die Polspannung, in der wir als Menschen unseren Entwicklungsweg gehen.